Kulturgefängnis

Kulturjournalismus – jung gemacht.

Oberschenkel aufschneiden und geboren ist das Musical

Hamburg den 22. August: In Hamburg wird ein Theaterstück gespielt. Eine Theaterkritik:

Ein weißes Zimmer mit Glasfront auf einer weißen Bühne. Zwei Darstellerinnen ziehen ein Plastik-Gebilde hervor. Plötzlich bläst es sich auf. Es ist ein nackter Frauentorso.

Auf Kampnagel in Hamburg wird gerade eins der vielen Genial-Skandal-Stücke von und mit Florentina Holzinger gezeigt: A year without summer.

Alle Generationen, alle Geschlechter, alle Identitäten tummeln sich um das K6, die große Bühne des freien Hamburger Staatstheaters Kampnagel. Sie alle kommen und stellen sich dem Experiment, bei dem sich fast jeder schon vor dem Stück sicher sein kann, dass es unerwartet ausgeht, aber auf jeden Fall gelingt.

Die Türen gehen auf und der Saal füllt sich langsam, aber stetig, bis nicht nur alle Plätze, sondern auch einzelne Treppenstufen belegt sind. Das Saallicht erlischt und es erscheinen Menschen auf der Bühne. Gewöhnlich für ein Theaterstück – Ungewöhnlich für Holzinger: Sie sind (noch) alle bekleidet.

Aber die Klammern verschwinden schneller, als einem diese Ungewohnheit auffallen kann, denn das reine, aber sehr diverse Frauenensemble schlingt sich umeinander, ineinander und übereinander und endet nackt in einem Pulk um Holzinger. Sie sitzt auf einem Stuhl und ihr Oberschenkel wird von einer Kamera gefilmt. Das Publikum sieht eine genähte Wunde, die langsam und unter Schmerzschreien aufgeschnitten wird.

Man könnte sie glatt mit Zeus verwechseln, doch statt des Theatergottes Dionysos wird dort ein Embryo auf die Bühne gebracht. Was ist es denn nun? Ein Junge? Ein Mädchen?

“It is: A Musical!“

Skepsis, Ekel und Verwunderung entwickeln sich zu kritischer Unterhaltung.

Ein Hin und Her der Gefühle. Zwischen zart-sanfter Sinnlichkeit und Schlammschlachten aus Kot kreiert das Ensemble eine tiefe und metaphorische Welt, die in ihrer Abstraktion eine Sache klar benennt: Zusammenhalt.

A year without summer – Ein Jahr ohne Sommer.

Ein Vulkan bricht aus und als Folge ist das Jahr 1816 eines, in dem nie Sommer einzieht. Die Welt schafft es nicht, ihre Früchte zu gebären, also muss es die Gesellschaft machen. Man schlingt sich umeinander, ineinander und übereinander und hofft, nicht am Kältetod zu verenden.

Einige Frauen – unter ihnen Mary Shelley – schließen sich zusammen und arbeiten nicht nur an ihrem Überleben, sondern spinnen sich auch Horrorgeschichten zusammen. Eine Frucht aus dieser Zeit: Frankenstein.

Vier Roboterhunde tauchen im Glaskasten auf. Erst tapsen sie ruhig herum, dann werden ihre Augen rot und sie werden laut und aggressiv. Ihr Ziel: Freiheit. Raus aus dem Glaskasten.

Vier nackte Menschen tauchen außerhalb des Glaskastens auf. Erst laufen sie langsam und leise herum, dann bewegen sie sich auf die Hunde zu und werden unterwürfig. Ihr Ziel: Ruhe. Rein in den Glaskasten.

Weltuntergangsstimmung. Hass lohnt sich nicht mehr, jetzt wird Liebe gemacht – im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird geküsst, geleckt, gefingert und gevögelt.

Nur einer bleibt einsam: Sigmund Freud.

Dieser masturbiert sich alleine auf einem Krankenbett in die Szene hinein und erzählt von seiner ödipalen Traum-Spritztour mit ihm als kleinem Jungen und seiner Mutter. In typischer Freud-Manier wird danach zusammen gesponnen, was das Zeug hält, aber eins steht fest: Frauen haben Penisneid, deshalb hassen sie auch ihre Mutter.

Nazi-”Arzt” Josef Mengele streitet sich um seine Grausamkeit – wohlgemerkt mit dem Ziel der grausamste zu sein – und ein Facelifting zieht eine Darstellerin mit, an Wange und Augenbrauen sitzenden, Piercings bis an die Decke.

Am Ende macht das Jahr ohne Sommer seinem Namen nochmal alle Ehre und lässt es auf der von Kot und Orgien geprägten Bühne schneien.

So endet das feministische Stück Weltgeschichte und lässt einen zurück mit einer Frage: Ging es hier wirklich um 1816?

Bild: © Nicole Marianna Wytyczak /// Auf dem Bild: Achan Malonda / Andrea Baker / Bärbel Warnke / Brigitte Ulm / Constanza Pérez de Lara Bonatti / Fibi Eyewalker / Florentina Holzinger / Jil Liane Schmidt-Fritsche / Luz De Luna Duran / Netti Nüganen / Renée Eigendorf / Renée Copraij / Sahel van K / Saioa Alvarez Ruiz / Sophie Duncan / Sue Shay / Xana Novais

Erstes-Date-Potential:

Bewertung: 4 von 5.

Schlaf-Potential:

Bewertung: 1 von 5.

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kulturgefängnis

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen