Kulturgefängnis

Kulturjournalismus – jung gemacht.

Gestrandet mit einer geschlossenen Gesellschaft

Wer kennt es nicht: Man ist auf einer Insel gestrandet und um sich die Zeit zu vertreiben, schmeißt man eine Mottoparty.

Eine absurde Vorstellung, mit der das Stadt:Kollektiv, also die partizipative Sparte des Düsseldorfer Schauspielhauses, am vergangenen Freitag die neue Spielzeit und gleichzeitig auch die neue Spielstätte im Central eröffnete. Der Name der Eröffnungspremiere: „Das Floß der Medusa“ nach Georg Kaiser.

12 Kinder und Jugendliche auf einem Floß, das auf einer einsamen Insel strandet. 12 Jugendliche und Kinder auf sich alleine gestellt. 12 Jugendliche und Kinder, die ihre Fähigkeiten mit griechischen Göttern beschreiben, um die individuelle Relevanz, aber auch die Unterhaltung nicht zu vergessen.

„Ich bin Hermes, ich kann euch Dinge bringen – so wie DHL“

12 Kinder und Jugendliche, die – eigentlich 13 sind? Wie es einem die Erwachsenen immer schon beigebracht haben, ist 13 eine Unglückszahl und das ist natürlich auch der Grund, warum sie nicht gerettet werden. 

„Das ist objektiv scheiße“ sagt Niklas, einer der 13 jungen Schauspieler*innen, um Regisseurin Fabiola Kuonen, die den Text gemeinsam mit den jungen Menschen auf der Bühne angepasst und modernisiert hat. 

Ein generationenkritisches Verantwortungsdrama samt Bestrebungen der Revolution, Evolution und das Konservatismus.

Die einen fordern alles anders zu machen, die anderen glauben an „survival of the fittest“, wie ein Christian Lindner es nicht schöner hätte finden können, dazwischen der Wunsch nach Erwachsenen, die diese Welt verstehen und ordnen können.

Aber sind die Erwachsenen nicht schuld an dieser Welt? An dieser Situation? Georg Kaiser schrieb dieses Stück als Erinnerung an eine reale Begebenheit, in der Kinder 1940 vor bombardierten Städten auf ein Schiff flüchteten, das beschossen wurde. 13 flüchteten auf ein Rettungsboot. 11 überlebten.

85 Jahre später gibt es immer noch und wieder Kinder, die flüchten müssen, vor Angriffen, vor Bomben, vor Krieg.

An diese Zustände erinnert auch das minimalistische Bühnenbild, das nur aus einigen Tetrapoden besteht. Tetrapoden sind Vierfüßer aus Stein, die an Küsten zum Wellen brechen und an Grenzen zum Panzer stoppen verwendet werden. Diese Doppeldeutigkeit nutzt Bühnenbildnerin Karolina Wyderka um den Ort des Stückes mit dem aktuellen Zeitgeschehen zu verbinden. Die Insel wird dargestellt durch einen Spiegelboden, auf dem sich die Jugendlichen und Kinder zu einer Gesellschaft entwickeln, wie wir sie heute haben und wie sie uns heute Leid und Krieg beschert.

Niemand möchte, dass jemand leidet, aber noch weniger möchte man selbst leiden. So muss ein Opfer erbracht werden, bevor man selber eines wird.

„Bei 13 kommt der Sturm. Bei 12, die Rettung.“

Also wird abgestimmt. Die Dialoge, die Konflikte und die Gefühle erinnern einen in diesem Moment ein wenig an das, im Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführte, „Tribunal“ von Dawn King,  nur ist das Opfer in diesem Fall unter ihnen. Genau das sorgt wieder für neue Streitereien, 11 der 13 werden mit Panzersperren auf den kleinsten Teil der Insel gedrängt, es wird geheiratet. Geheiratet?

Ist das Problem wirklich, dass sie 13 sind? Ist das vielleicht reine Panikmache, um die Schuld, dass man nicht in der Lage ist, eine funktionierende Gruppe zu gestalten, von sich zu weisen? Ist das Problem wirklich nur auf dieser Insel? Immerhin wird auf dieser Insel Deutsch, Russisch, Ukrainisch, Polnisch, Japanisch, Türkisch, Englisch, Griechisch und Französisch gesprochen, also kein Anzeichen für internationale Unbedeutendheit.

Und sind das Problem eigentlich wirklich die 13 Kinder, die vor den grausamen Taten der Erwachsenen fliehen und deren Hoffnung auf ein besseres Leben von denen zerstört wird, die es nicht schaffen eine Gemeinschaft zu etablieren.

Vielleicht spiegelt der Boden gar nicht die Jugendlichen auf ihm, sondern die Zuschauenden, die Erwachsenen und die Gesellschaft wider, die statt Lösungen immer nach Schuld und Hass suchen.

„Wir wollen doch nicht wie die sein, vor denen wir flüchten.“

Bild: Thomas Rabsch

Erstes-Date-Potential:

Bewertung: 3.5 von 5.

Schlaf-Potential:

Bewertung: 2.5 von 5.

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