Das neue Schauspieljahr am Theater Bonn startet dieses Jahr an einem Mittwoch, doch das hält das Publikum nicht davon ab jeden der knapp 400 Sitzplätze zu besetzen. Einen guten Grund gibt es dafür: Die Eröffnungsinszenierung der „Odyssee“ nach Homer, inszeniert von Simon Solberg.
Die Bühne ist einfach, aber doch imposant. Im hinteren Teil sitzt das schwarzkegleidete Beethoven Orchester, hinter ihnen ein Lichtkreis, drum herum Vorhangsäulen. Im Vordergrund: Eine Art Ascheplatz aus dem sich Hände in den Himmel räkeln.
Das erste Wort ergreift allerdings nicht Odysseus (Glenn Goltz) selbst, sondern seine Frau Penelope (Julia Kathinka Philippi) – ein erstes Indiz dafür, wie Solberg den Heldenmythos nicht unkommentiert abinszeniert, sondern modern und kritisch hinterfragt. Odysseus ist hier nicht der brave Landesvater, der nur seine Pflichten tut und für sein Volk kämpft, sondern der Schuldige, den er selbst nicht in sich sieht.
Wie ein Ruderboot das mit dem Strom schwimmt nimmt das Stück seinen Lauf. Odysseus wird auf seinem Weg von Kirke (Julia Kathinka Philippi) in ihren Bann gezogen. Penelope wird gezwungen sich einen neuen Mann und damit einen neuen Herrscher zu suchen. Telemach, (Christian Czeremnych), ihr Sohn, begibt sich auf die Suche nach seinem Vater. Odysseus kommt Heim, allerdings ist es zu spät für seinen Telemach.
„Wir können doch nicht in einem fremden Land ein fremdes Volk überfallen, nur unseres Wohles wegen.“
sagt Odysseus zu seinen Gefährten (Christian Czeremnych, Timo Kählert und Alois Reinhardt).
Musikalisch wird der Abend durch eine Komposition von Ketan Bhatti untermalt, die das Beethoven Orchester live auf die Bühne bringt. Unterschiedlichste musikalische Einflüsse, gekoppelt an Lichtspiele und Nebelwolken, trennen die Szenen, Orte und Zeiten voneinander. Das ist auch wichtig, denn bis auf die Asche auf dem Boden, sowie einigen Seilen und Tüchern die kreuz und quer über die Bühne gezogen werden, findet das Spiel vorwiegend in den Köpfen der Zuschauer*innen statt. So gibt es keinen Bogen, kein Schwert und kein Boot – trotzdem schafft das Ensemble gemeinsam mit Technik und Musik eine Atmosphäre, die ein Kopfkino mit offenen Augen ermöglichen.
Odysseus, froh zurück zu sein, entsetzt über den Tod seines Sohnes rechtfertigt seine 10 jährige Reise, doch wird von Penelope zurück auf den Ascheboden der Tatsachen gebracht:
“Du hast in einem fremden Land ein fremdes Volk überfallen“
Damit findet die Heldensaga ohne Heldentum ein antiheroistisches Ende und das Publikum verabschiedet den Abend mit tosendem Applaus und Standing Ovations.
Bild: Glenn Goltz, Alois Reinhardt, Christian Czeremnych, Timo Kählert © Matthias Jung
Erstes-Date-Potential:
Schlaf-Potential:

Kommentar verfassen