Aus dem Highway to Hell wird ein Stau auf einer Auffahrt, die auf keine Autobahn führt. Die Hölle macht zu. Im Himmel werden die wahren, aber reichen Täter begnadigt. Die Hölle bekommt das Fußvolk mit Fehltritt. Haarwasserfabrikant Biedermann war wohl nicht relevant und vor allem reich genug, um der Hölle zu entkommen, obwohl er mit den Worten „Sie sind Millionär“ begrüßt wird. Auch seine Versicherung ist nicht stark genug, um ihn hier herauszuholen.
So beginnt „Biedermann und die Brandstifter“ am Theater Luzern nicht mit dem üblichen Anfang von Max Frisch, sondern dem Nachspiel, das Frisch aus Wut auf die Zuschauer hinzugefügt hat, die in den Brandstiftern nur Kommunisten sahen und somit das Stück als rein antikommunistisch interpretierten. Das später wieder entfernte Nachspiel verdeutlichte Frischs Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus.
Der Höllenchef, ein flauschiger Löwe, ist so erbost über die mickrigen Täter, die er kriegt, dass er – auch aufgrund von Energieeinsparung – die Hölle abschaltet und die Öfen löscht.
Umbau.
Ein pinkes Zimmer, eine Tür mit fünf Schlössern, eine Ansammlung von Klopapier, mehrere Reinigungsmittel, drei Staubsauger, zwei Lampenschirme, zwei Mikrowellen, ein Sicherheitssystem, ein Telefon, ein Alarm Licht, ein Feuerlöscher und ein Sofa. In diesem Raum beginnt Biedermann (Robert Rozić) von seiner „Nulltoleranzpolitik“ zu sprechen, die er den Brandstiftern gegenüber fordert. Seine Frau Babette (Wiebke Kayser) horcht ihm und weicht dabei keineswegs von seiner Seite.
Es klingelt, das Dienstmädchen (Annalisa Derossi) schaut durchs Guckloch, doch obwohl Biedermann ausrichten lässt, dass der Störer draußen warten soll, steht dieser schon im Wohnzimmer. Ein Mann mit Glatze, brauner Hose und Hemd, der vom ersten Erscheinungsbild auch den jungen Nationalisten angehören könnte, begrüßt Biedermann. Er wolle kein Haarwasser, sondern Menschlichkeit. Die bekommt er auch, obwohl Biedermann selbst immer wieder kritisiert, wie Menschen „H-H-H-Hausierer“ in ihr Haus.
Regisseurin Corinna von Rad und ihr fünfköpfiges Ensemble, samt Pianistin, machen den Abend nicht nur unglaublich politisch, sondern auch erstaunlich witzig und überaus komisch. Unterstützt wird das durch ein überraschendes Bühnenbild, mit starkem Ausschlag nach links – zum Opfer des Publikums auf der rechten Seite, und der musikalischen Untermalung von Jürg Kienberger und Annalisa Derossi.
Herein wenn‘s kein Feuerleger ist.
Steht der Brandstifter direkt vor der eigenen Nase, so ist man oft auf einem Auge – meistens dem Rechten – blind. Schmitz (Bastian Inglin), so heißt der Hausierer, wird auf den Dachboden geführt. Dort präsentiert Biedermann sein Sicherheitssystem, das ihn vor Bränden schützen soll, indem es Wärme und unbekannte Personen erkennt, erklärt dem System dann aber, dass es sich bei Schmitz um einen Sicherheitsbeauftragten handelt, damit es nicht Alarm schlägt.
Ein Brandstifter mitten in Ford Nox und er bekommt den Schlüssel. So nimmt die Parabel ihren Lauf und macht dem „Lehrstück ohne Lehre“ alle Ehre. Man konnte ja nicht ahnen, wie es ausgehen wird, auch wenn die Brandstifter selbst sagen, dass sie welche sind.
„Wahrheit ist die beste Tarnung.“
Schmitz ist nicht mehr alleine, auch der Komplize Eisenring (Amélie Hug) ist schon da. Im Vergleich zum Originalstoff viel zu früh, aber das bleibt nicht die einzige Verdrehung. So tritt der Chor nur ein einziges Mal auf – auch wenn man ihn wirklich nicht vermisst hat –, Besucher gar nicht und das gesamte Essen bleibt vegan. Kein Käse, kein Ei, keine Gans. Dafür Essiggurken und Dinner Show. Von der Verdrehung des Nachspiels am Anfang ganz zu schweigen. Biedermann und die Brandstifter am Theater Luzern bleibt damit nah genug am Original um das Schweizer Publikum mitzunehmen, schafft aber gleichzeitig genügend zeitgenössische Distanz und somit eine angenehme Freiheit.
In der Dinner Show, die die Biedermanns organisieren, um sich mit den Brandstiftern anzufreunden, geht es musikalisch und alkoholreich her. „Die Tasse Kaffee“ von Helene Fischer & Florian Silbereisen gefällt den Brandstiftern allerdings nicht so gut wie dem Publikum. Auch den Sekt schütten sie lieber weg, sie müssen ja noch arbeiten. Babette und Gottlieb trinken sich das Leben schön und nach einiger Manipulation steht das ganze Haus in Flammen, da hilft auch die Parabel des Froschkönigs nichts, mit der die Brandstifter ihre letzte Warnung verkündeten.
Wie wird man denn auch einen Brandstifter los, den man schon im Haus hat. Vielleicht beim nächsten Mal etwas früher intervenieren, hätte ja keiner wissen können.
Fynn Gregorius
Bild: Ingo Hoehn
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