Man betritt einen Raum und muss sich zwischen zwei Seiten entscheiden. Entweder geht man nach links, oder man geht nach rechts – vielleicht geht man auch in den Osten, oder in den Westen. Dort setzt man sich auf einen Sitzplatz, zieht einen Kopfhörer auf und starrt dem gegenübersitzenden Publikum in die Augen.
Das ist das Konzept von “Der Riss”, einem Theaterstück der Kölner Kinder- und Jugendtheatergruppe “Pulk Fiktion”, das am 03. Oktober – pünktlich zum Tag der Deutschen Einheit – Premiere im Freien Werkstatt Theater in Köln gefeiert hat.
Der Premierentag ist nicht willkürlich gewählt: Auf der Bühne erwarten einen ostdeutsche und westdeutsche Geschichten, erzählt von zwei Performer*innen, die selbst Erfahrungen mit jeweils einem der Systeme machen durften.
Man blickt auf eine Bühne, dort stehen zwei Menschen und erklären ihren Kindern, dass sie sich trennen müssten. Man selbst landet plötzlich aber trennungs-typisch unfreiwillig auf einer Seite und wird Zeuge eines Beziehungsdramas, das ein ganzes Land gespalten hat.
Im typischen Pulk-Fiktion-Stil hangelt sich das Publikum gemeinsam mit den Schauspieler*innen – beziehungsweise dem*der Schauspieler*in der eigenen Seite – performativ durch die “deutsch-deutsche Vergangenheit” und elaboriert eine getrennt-gemeinsame Zukunft.
Aus einer räumlichen Trennung wird eine sprachliche, dann eine mäuerliche und dann beginnt eben diese Mauer zu bröckeln. Sie bröckelt an Demokratie, an Unabhängigkeit, an Zufriedenheit und an Zusammenhalt, bis sie schließlich – wie allgemein bekannt – zusammenbricht.
Die Aufarbeitung des Dilemmas wird immer wichtiger und verschwindet sogleich immer mehr im Hintergrund. Phrasen, Wünsche, Utopien werden verkündet und hinterrücks verworfen.
Regisseurin Hannah Biedermann verbindet im neuen Pulk-Fiktion-Stück Historische-Geschichte mit Alltäglichen-Geschichten, erzählt durch Spieler*innen und ein Bühnenbild, die jeweils vielseitiger nicht sein könnten. So wird aus einem Haus eine Mauer, einem Schauspieler der Vater Staat und aus dem Theaterraum die Parabel eines getrennten Landes.
Mit Witz und Selbstkritik schafft es das Stück eine neue Perspektive auf ein altes Dilemma zu schaffen und sorgt damit nicht nur für Unterhaltung, sondern auch für tosenden Premierenapplaus.
Pulk Fiktion hat 2025 als erste Kinder- und Jugendtheatergruppe den Tabori-Hauptpreis gewonnen. Ein wichtiges Zeichen für die Förderung von Kinder- und Jugendkultur.
Eine Rede auf der Tabori-Preis-Verleihung haben wir hier veröffentlicht.
Bild: Nathan Dreessen
Fynn Gregorius
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