Bonn, den 20.03
Ein Prinz, gefangen zwischen Liebe, Macht und Moral.
Ein König, der herrscht, doch nicht versteht.
Ein Freund, der Freiheit predigt und dafür alles riskiert.
Und dann öffnet sich der Vorhang. Still. Fast leer. Kein Prunk oder Palast. Kein goldener Schnickschnack.
Sechs Individuen stehen mit einem Hauch von Nervosität auf der Bühne des Bonner Schauspielhauses am Tag der Premiere von „Don Karlos (A New Morning)“, hinter Ihnen ein strahlend blauer Sommerhimmel. Im Saal herrscht Spannung und die Neugier der Zuschauer ist zu spüren.
Sechs beeindruckende Darsteller*innen erzählen die Geschichte des spanischen Königreichs im 16. Jahrhundert. Ein richtiges Liebesdrama mit so einem ätzenden Aktivisten und so richtig viel Gossip. Oder soll ich lieber sagen, eine höchst leidenschaftliche, doch nicht minder skandalumwitterte Herzensverstrickung mit einem Anreiz von aufklärerischen Gedankengängen?
„Ich liebe meine Mutter!“
Don Karlos (Jacob Zacharias Eckstein), ist der Thronnachfolger von König Phillip 2. (Daniel Stock), welcher mit Elisabeth von Valois (Imke Siebert) verheiratet ist. Prinzessin Eboli (Julia Kathinka Philippi) ist verliebt in Karlos. Doch, Plottwist: Karlos liebt seine Mutter! Jetzt wird die verheiratete Königin selbst zum Mittelpunkt unerfüllter Sehnsüchte und heimlicher Spannungen, denn Eboli zerbricht an dem Korb von Karlos und wird zur Intrigantin und zu einer richtigen Bitch. So richtig crazy wird es aber, als der Jugendfreund Marquis von Posa (Riccardo Ferreira) des Infanten plötzlich der Raserei seiner Gedanken über politische Freiheit verfällt und Eboli sich dann auch noch mit dem Herzog Alba (Paul Michael Stiehler) verbündet. Posa strebt nämlich zutiefst nach der Unabhängigkeit Flanderns und setzt sich somit dafür ein, dass Karlos die Reise dorthin auf sich nimmt und ihm zum Erfolg verhilft. Alba fühlt das so gar nicht und möchte Karlos loswerden.
Wie beschreibt man 120 Minuten, die mit so wenig und doch irgendwie mit so viel gefüllt wurden?
Bunter Minimalismus.
Das beschreibt es ganz gut.
Das Bühnenbild ist einzig und allein durch die Verwendung von strahlend buntem Licht, räumlichen Trennungen, musikalischen Rythmen sowie einem Hintergrund Screen erzeugt worden.
Requisiten? Ein paar Briefe. Ein Stuhl. Ein Portemonnaie. Eine Waffe. Das wars.
Die Reduktion der visuellen Inhalte auf Licht und Farbe vertieft die Wirkung des Stücks enorm und lässt die Zuschauer*innen ihre Aufmerksamkeit auf die tatsächlichen inneren Zustände der Figuren richten. Man checkt einfach.
Diese Art der Darstellung aktiviert die Fantasie des Publikums. Zuschauer*innen füllen „Lücken“ selbst aus und erleben so ein individuelles Ereignis. Ilka aus der dritten Reihe sieht in dem rosa-roten Farbverlauf die Liebe und zeitgleiche Wut und Matthias aus der neunten Reihe erkennt die Figur der Königin. Es ist, als ob die Bühne in ein emotionales Schlachtfeld verwandelt wird, als würden Gedanken sichtbar werden.
Darüber hinaus stehen 6 Farben im Fokus, welche nicht nur in den Kostümen der Darsteller*innen wieder zu finden sind, sondern auch in den grellen Rahmen, welche der Lichtprojektion dienten. Die Tatsache, dass jede Figur durch Kleidung, aber auch durch kleine Accessoires und Details einem Farbschema zuzuordnen ist, erinnerte fast schon an den Kinofilm „Alles steht Kopf“. Der Hauptdarsteller Don Karlos ist in blau geschmückt und ist somit mit der Figur „Kummer“, ebenfalls blau, aus dem Film in Verbindung zu bringen. Diese Farbauswahl ist mehr als passend und spiegelt ziemlich deutlich den nachdenklichen und fast schon angsterfüllten und „weichen“ Charakter von Karlos wider.
Du siehst ihn und du fühlst ihn, noch bevor er spricht. Du checkst einfach.
„Der Prinz versteht nicht. Der Prinz checkt gar nichts.“
Die Reduktion auf Licht und Farbe zwingt dich, genauer hinzusehen. Keine Ablenkung, kein historischer Filter. Und plötzlich erscheint es irgendwie klar: Diese Geschichte ist nicht Vergangenheit. Sie ist jetzt!

Die aufklärerischen Ideen, die Freiheit, Selbstbestimmung, die Kritik an Machtstrukturen. Wirken erschreckend aktuell, oder? Es scheint teilweise, wie ein ideologischer Clash: alte Ordnung gegen neue Gedanken. Es wirkt fast schon, wie (Triggerwarnung!) eine hitzige Diskussion der Linken gegen die AfD. Dabei sind es doch eigentlich „nur“ die aufklärerischen Gedanken eines der größten deutschen Dichter und Denker Friedrich Schiller?
Diese, wie der Regisseur Felix Krakau sagt, „weitere Überschreibung“ spielt auf „politischer Ebene“ und wünscht den „New Morning“ mit „Hoffnung auf Neubeginn und auf Veränderung“.
Denn:
„Eine Meinung, die sich nicht verändert, ist nichts wert!“
Ein Zitat des Stücks, das irgendwie lame wirkt, aber wirklich passend auf die „politische Ebene“ angewendet werden kann.
Last but not least: Die Sprache.
Mal klingt sie, wie aus Schillers Feder gefallen, so pathetisch, so getragen, fast ehrfürchtig. Und mal klingt sie direkt, roh, einfach. Ein Wechsel, der sich ungewohnt anfühlt, aber plötzlich doch passend. Weil er Brücken baut. Zwischen damals und heute.
Und vielleicht ist genau das der Geniestreich dieser Inszenierung. Felix Krakau holt ein klassisches Werk aus dem Staub und wirft es mitten in unsere Gegenwart. Direkte Ansprache. Einfache Sätze. Jugendwörter. Ein bisschen verrückt, aber doch noch bodenständig.
Exakt so hat es der Regisseur geschafft dieses alte Stück nicht nur zu erzählen, sondern für alle Generationen spürbar zu machen.
Glaub mir, du merkst es spätestens, wenn du den Saal verlässt und noch einmal zurückblickst.
Nicht auf die Bühne.
Sondern auf dich .
Fotos: Matthias Jung
Maja Graw

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