Kulturgefängnis

Kulturjournalismus – jung gemacht.

tabori preis für pulk fiktion / eine rede

Pulk Fiktion gewinnt den Tabori-Preis. Ein wichtiges Zeichen für Kinder- und Jugendtheater. Wir veröffentlichen die Rede von Ecenaz Ökmen und Fynn Gregorius auf der Preisverleihung im HAU:

„Pulk – das heißt zusammenstehen. Ganz eng beieinander. So, dass wenn jemand umfällt, die andere sie trägt.

Fiktion – das ist, wenn man seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf lässt und ihnen Raum gibt, sich zu entfalten. So wie: Schönes Unkraut.

Pulk Fiktion ist nicht nur ein tolles Beispiel für genau dieses Zusammenspiel aus Sicherheit und Freiheit, aus Zusammenhalt und Individualität, sondern auch ein Beweis dafür, dass auch Kinder- und Jugendtheater genau jetzt und genau hier eine unglaublich relevante, gesellschaftliche Rolle spielt.

Jugendliche finden in der großen und oft elitären Welt des Theaters nur schwer Zugänge zu eben dieser  Welt aus Zusammenhalt und Individualität und genau da setzt Pulk Fiktion an. Kinder sind hier nicht nur Publikum, das es zu bespaßen gilt, sondern ein gleichwertiger Teil der Inszenierung. Warum? Darum!

Gleichwertigkeit ist genau das, was dieser Theaterwelt lange gefehlt hat und teilweise immer noch fehlt.

Kinder und Jugendliche werden im Theater nicht nur gebraucht, sondern auch massiv unterschätzt.

Wir sind in der Lage, zu konzipieren.
Wir sind in der Lage, wichtige gesellschaftliche Themen aufzugreifen und künstlerisch in Szenen zu verpacken.
Wir sind in der Lage, zu entscheiden, was “wichtige gesellschaftliche Themen” für uns bedeutet.
Wir sind in der Lage, zu improvisieren, aber auch zu planen und zu strukturieren.

Kinder und Jugendliche sind kein “minderes Publikum”, sie sind die neue Generation von Kunstschaffenden, aber auch die neue Generation von Menschen.

Kinder- und Jugendtheater ist Bildung, Förderung und Prävention zugleich.

In Zeiten, in denen 25% der Jugendlichen über psychische Probleme klagen, brauchen wir Jugendkultur, die Kinder so sieht, wie sie sind und sie genau darin bestärkt.
In Zeiten von Kinderarmut brauchen wir diese Jugendkultur, um einen günstigen und offenen Begegnungsort zu schaffen.
In Zeiten von AfD und Co brauchen wir diese Jugendkultur, um extremistischen Strömungen entgegenzuwirken.

“Psyche, Armut, Nazis… Das macht doch nichts”
“Ähm doch, das macht wohl was.”

Und das ist dieses “Theater”, das wirklich wichtig für junge Menschen ist. Diese Art von Theater, in der die klaren Grenzen zwischen Publikumssaal und Bühne ein bisschen unklarer werden.
Theater, das gar nicht erst zwischen „jungen“ und “nicht jungen“ Menschen unterscheidet, weil alle daran teilhaben.
Und Teilhabe, da fängt doch erst Veränderung in einer Gesellschaft an!

Kinder- und Jugendtheater ist kein nettes “Add-On” oder “der eine Theaterbesuch in seiner Schulzeit”. Es ist das Fundament einer fairen und toleranten Gemeinschaft.

Es kann so viel ausmachen, wenn man jungen Menschen Zugänge schafft, Brücken baut und Türen öffnet. Das verändert nicht nur Persönlichkeiten und Wege, sondern auch Ansichten, Verhalten und damit eine ganze Gesellschaft.

Wir selbst sind schon in den Genuss gekommen mit Pulk Fiktion arbeiten zu dürfen und dabei wurde eins ganz klar: Sie machen keine Kunst über Jugendliche oder für Kinder, sondern mit ihnen. Sie respektieren sie, hören ihnen zu und wenn es sein muss, dann hören sie sogar gerne Mal auf sie.

Pulk Fiktion liest jungen Menschen keine Bilderbücher vor, Pulk Fiktion lässt die jungen Menschen ihre eigenen Bilder kreieren und Bücher dazu schreiben.

Sie gründen einen “Jungen” Pulk, veröffentlichen ihre Arbeit mit ihm und das nicht nur als Schein partizipativer Arbeit, sondern als Beweis und Vorbild, wie generationsübergreifende Teilhabe im Theater funktionieren kann.

Das zeichnet ihre Arbeit aus und das muss gefördert werden. Gerade jetzt, wo man bei Kunst und Kultur, vor allem bei Kinder- und Jugendtheater kürzt, sichert dieser Preis das Fortbestehen einer Gruppe, die viel mehr leistet, als man es von ihnen erwarten dürfte.

Lieber Pulk, danke für ungesüßtes Popcorn und angeleckte Gummischlangen.

Danke für eingebuddelte Kinder und kletternde Erwachsene.

Danke für euren Einsatz für unsere Generation und alle die nach uns kommen.

Wir wünschen euch das allerbeste auf eurem Weg und freuen uns auf viele weitere gemeinsame Jahre.

Lieber Pulk, Freiheit ist die beste Zeit. „

Eine Kritik zur letzten Pulk-Fiktion-Premiere „Der Riss“ haben wir hier veröffentlicht.

Bild: Dorothea Tuch

Ein Kommentar zu „tabori preis für pulk fiktion / eine rede“

  1. […] Rede der Tabori-Preis-Verleihung haben wir hier […]

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