Ein Mann Anfang 60 betritt die Bühne des Opernhauses Bonn. Der Vorhang ist zu. Premierenfieber. Um die Premiere geht es ihm aber nicht.
„Gestern […] tagte der Verwaltungsvorstand der Stadt [Bonn] in seiner Haushaltsklausur. Am Abend um 20:40 Uhr wurde mir telefonisch mitgeteilt, was dort beschlossen worden war. Der Auftrag zu prüfen, ob in Bonn das Schauspiel geschlossen wird.“
Bernhard Helmich, Generalintendant des Theaters Bonn, das Schauspiel, Oper und Tanz umfasst, beschreibt hier ein dystopisches Szenario, das viele befürchteten und wenige für möglich gehalten haben. Die Aufgabe der Kultur für die Wirtschaft.
Eine Stadt die einst die Hauptstadt des wohlhabensten europäischen Landes war, in der das Grundgesetz geboren wurde, die Kulturgut berherbergte, förderte, zugänglich machte, wägt nun ab zwischen Geld und Theater. Zwischen etwas weniger Minus und hunderten Arbeitsplätzen.
„Statt des in der Zukunftsagenda Bonner Bühnen beschlossenen Erhalts aller Sparten soll die Aufgabe des Schauspiels geprüft werden. Die Sparte Musiktheater (Oper, Tanz, Musical) soll erhalten bleiben, da in dieser auch das Beethoven Orchester Bonn beteiligt ist. Dadurch wird die für die Stadt Bonn wichtige Marke Beethoven bewahrt.“ – Mitteilung der Stadt Bonn.
Die Oper, in der die teuerste Karte bis zu 129,80€ kostet darf also bleiben, während das Schauspiel, in dem das Äquivalent maximal 47,90€ kostet eventuell gehen darf. Oper und Schauspiel sollten nie gegeneinander Abgewogen werden müssen. Nicht jetzt, nicht in Bonn, nicht anderswo (auch nicht in Köln, in der beides alleine wegen der Sanierung ungefähr 1,5 Milliarden gekostet hat – das ist 40-Fache der Bonner Ausgaben). Was man aber abwägen muss ist die damit einhergehende Zugänglichkeit. So reichen 50€ im Theater für zwei Karten in Platzgruppe 3 und eine Cola darf man sich dort auch gönnen. In der Oper kommt man in Platzgruppe 3 damit nicht Mal immer alleine hin. Zu zweit kann man froh sein, wenn man es in die vorletzte Platzgruppe schafft.
Eine Schließung des Schauspiels schiebt nach hinten. Die Stadt und das Publikum. Sie distanziert, nicht nur räumlich, auch gedanklich. Eine Stadt, die es nicht geschafft hat ihr Schauspiel zu finanzieren erwartet von mir, der Bonner Steuerzahlerin, dass ich plötzlich für meinen Kulturbesuch mehr als das doppelte ausgebe.
Man muss nicht zynisch sein um sich zu fragen, ob bei der aktuellen Verkehrslage überhaupt noch Leute das Theater erreichen. Man muss allerdings ehrlich sein und bedenken, dass eine Stadt die aktuell und ohne Aussicht auf Besserung mehr Frust als Euphorie bringt gerade allen Ernstes im Inbegriff ist sein Theater abzuschaffen.
Das darf eine Stadtgesellschaft nicht tolerieren.
Theater ist Begegnung, Diskurs, Krieg und Friden. Genau das ist Bonn und genau das braucht Bonn.
Das Schauspiel Bonn ist keine Option. Keine Aktie, die man verkaufen kann. Das Schauspiel Bonn bleibt.
Theater ist Widerstand. Kultur ist Widerstand.
Wir stehen solidarisch hinter dem Theater Bonn.

Kommentar verfassen