Kulturgefängnis

Kulturjournalismus – jung gemacht.

imagine du gehst in ein theaterstück

Imagine am Schauspiel Köln in der Regie von Kay Voges.

Imagine du gehst in ein Theaterstück.

Wer sich das nicht vorstellen möchte, landet oft auf einem Theatersessel.

Zum Beispiel auf einem grauen, noch etwas kratzigen im neueröffneten Schauspiel Köln am Offenbachplatz.

Zum Beispiel am 18.10.2026 in die Wiederaufnahme und Offenbachplatzpremiere von „Imagine“, dem ursprünglich am 27.09.2025 uraufgeführten Eröffnungsabend es damals Neuintendanten Kay Voges.

Die Kölner*innen sind vieles gewohnt, zwei Intendanzwechsel in kurzer Zeit, jetzt nun auch ein neuer Hauptspielort und gleichzeitig immer wieder verschiedene künstlerische Einflüsse. Einen neuen bringt nun auch Kay Voges mit.

Laut? Pompös? Sprachlich extravagant?

Stell dir vor – Imagine – du gehst in ein Theaterstück und alle deine Erwartungen passen nicht dazu. Sie werden nicht enttäuscht, nicht übertroffen, nicht ausgetauscht oder angepasst, sondern gar eliminiert. Genau das kann in „Imagine“ schnell passieren. Denn wer ein pompöses, lautes und vor allem sprachlich extravagantes Stück erwartet, der muss wohl nochmal vorbei schauen. Obwohl alle drei Aspekte irgendwie zutreffen.

Pompös ist das erstaunlich detailreiche Bühnenbild vielleicht nicht, es erinnert eher an eine Filmkulisse einer Kleinstadt. Links ein Haus mit Schlafzimmer, angrenzend an die Veranda eine kleine Kirche, daraufhin ein Haus mit Wohnzimmer, kleiner Küche und einem Sessel direkt am Fenster und natürlich ein kleines Häuschen samt Büro. Alles ist in einem dunklen grau gehalten, wenig Farbe, wenig Licht, obwohl drei unverhältnismäßig große Straßenlaternen die Szenerie beleuchten könnten. Mittendrin: Bahnschienen? Durch diese erfahren wir vom angesprochenen Detailreichtum. Statt einer kleinen Modelleisenbahn fahren dort zwei Kameras im Kreis. Dauerhaft. Fast zwei Stunden lang. Pausenlos. Zwei große Bildschirme an der Decke lichten diese Fahrten ab und nehmen das Publikum auf eine Reise in die hinteren Ecken des Bühnenbildes. Wir sehen einen kirchentypischen Glaskasten für Ankündigungen und Informationen, mehrere versteckte Orte in denen sich die namenlosen Protagonist*innen immer wieder begegnen können, ein Gewächshaus, indem besondere Pilze gezüchtet werden, aber die Kameras bieten auch die Möglichkeit von innen in die Häuser zu sehen.

Laut kann das Stück auf jeden Fall auch sein. Vor allem, wenn unerwartet laute und musikalische Klänge nicht nur das die Ohren, sondern auch den Boden zum beben bringen. Zwischen den Voges-Typischen-Techno-Klängen, hier von Tommy Finke, rauschen auch Lieder wie „Alors on Dance“ von Stromae, „Alone“ von The Cure und natürlich „Imagine“ von John Lehnon aus den Boxen oder werden wie im letzten Fall sogar selbst gesungen.

Und ganz ehrlich: Sprachlich extravagant ist das Stück irgendwie auch: Immerhin wird auf dieses Theatertypische Mittel fast vollständig verzichtet. Münder sind oft geöffnet, aber über Interjenktionen und Exklamationen hinaus, hört man wenig relevante Worte.

Imagine all the people – Sharing all the World

Die Entwicklung des Stückes ist so klar wie unverständlich. Die zu erwartende Ebene einer imaginierten Welt, in der es keinen Grund für Hass und Krieg mehr gibt, wird überdeckt von einer Kriegsdystopie, die sich immer weiter zuspitzt. Währen der Apfelsaft immer größer wird, wir auch der Gummihammer zu einem Vorschlagshammer um „Vorschläge“ doch direkt zu beseitigen – Reicht nicht? Lass es ein Maschinengewehr sein.

Imagine du stolperst und merkst erst im nächsten Leben, dass du über eine Leiche gestolpert bist. Und Imagine im übernächsten steht diese Leiche gleich wieder auf und statt Leuten, die in ihr einen Zombie sehen, preist man sie an wie den Messias höchstpersönlich. Wie nett von ihr, dass sie ihre neuen Untertanen gleich auch füttert. Ein bisschen Religion hilft auch in den schlimmsten Zeiten.

Die Welt brennt. Das Theater spielt Tagesschau.

Die Bilder sind absurd, fast dadaistisch, sie sollen schockieren und verstoßen, provozieren, vor allem ein Publikum, das diese Leid kennt, weil es genau das tagtäglich im Fernsehen, in der Zeitung, auf dem Handy sieht. Aber genau deshalb ist man vielleicht nicht mehr geschockt. Vielleicht ist man sogar gelangweilt, von der standardisierten Brutalität, die inzwischen jede Nachrichtensendung überbieten kann. Wofür gehe ich überhaupt noch ins Theater, wenn die Welt brennt?

Vielleicht ist es aber genau das, was man hier abbilden möchte. Ein Szenario, dass vor 10 Jahren die Menschen so sehr verstört hätte, dass das Stück im etablierten Stadttheaterpublikum keine Freund*innen finden würde, wird heute zur Sonntagabendnummer – wohlgemerkt mit Tanz und Techno, darf ja nicht zu langweilig werden.

Paula Hofmann, Fynn Gregorius

Fotos: Marcel Urlaub

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